Leidenszeit in der Frühen Neuzeit?

Die Gesundheitsversorgung in Brilon des 17. Jahrhunderts
ein Forschungsworkshop anlässlich der Projekttage 2015

Das Projekt

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Gesund zu leben und gesund zu sein sind heute obligatorische Privilegien geworden. Die Möglichkeit, jederzeit einen Arzt aufzusuchen, die bestmögliche Versorgung garantiert zu bekommen und auch in der Berufswelt jede gesundheitsgefährdene Situation verweigern zu können, sind selbstverständlich für moderne Europäer geworden. Und Briloner bilden dabei keine Ausnahme.
Was uns heute als so grundsätzlich erscheint, war früher nicht gegeben. In den vergangenen Jahrhunderten litten die Menschen mannigfaltig, starben allzu früh oder sahen sich Krankheiten und Epidemien ausgesetzt, die heute als heilbar, damals jedoch als Todesurteil galten.
Doch wie war es wirklich? Wie lebten und arbeiteten die Menschen in Brilon vor 300 und 400 Jahren?
Genau diese Fragen trieben im April 2015 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petrinum um. Immerhin fanden sie in den Geschichtsbüchern keine Antwort. Sicher, von Reichsstädten war dort die Rede, aber von Brilon? Nein. Es scheint so, dass die Region der Schülerinnen und Schüler keinen Platz im Unterrichtet findet.
Da ist es ein besonders glücklicher Moment, dass anlässlich der Projekttage 2015 ein Forschungsworkshop angeboten wurde, der sich mit genau jenen Fragen beschäftigte. An mehreren Tagen sollte der Bildungspartner des Petrinums, das Museum Haus Hövener, seine Pforten und Archive öffnen, um Petrinern die Möglichkeit zu bieten, einmal selbst forscherisch aktiv zu werden. Dutzende von Dokumente aus dem 17. und 18. Jahrhundert, Kupferstiche und Dekrete wurden erstmals durch Dr. Christoph Thüer (Historiker / Autor Die Hanse in Brilon) und Carsten Schlömer (wissenschaftlicher Mitarbeiter / Autor: Brilon eine Stadtgeschichte) vorbereitet und zugänglich gemacht. Eine einmalige Gelegenheit also…

Start der Projekttage im Museum Haus Hövener

Die Resonanz interessierter Schülerinnen und Schüler war groß. Unterschiedliche Themen, wie etwa die Arbeitswelt des Bergbaus im 17. Jahrhundert oder die Armen- und Bettlerbehandlung im darauffolgenden Jahrhundert, sorgten für das Entstehen mehrerer Arbeitsgruppen. Eine Einführung, wie mit den teils sehr empfindlichen Objekten gearbeitet wird, war zuvor obligatorisch.
Was entstand, war eine Reise durch die Vergangenheit. Jugendliche erfuhren, wie Geschichte wirklich geschrieben. Dass es eben nicht um das bloße Auswendiglernen von Fakten geht, sondern viel mehr um die richtigen Interpretationen gegenüber der Quelle.
So war die „Weilarbeit“ in der Churkölnischen Bergordnung 1669 nichts anderes als eine Form der Kurz- oder Leiharbeit. Die Versorgung der Bergleute nach der „Güte und christlichen Nächstenliebe“ des Grubenbesitzers nichts anderes als das Eingeständnis für das Fehlen eines gesetzlich gesicherten Arbeitnehmerschutzes. Und selbst die ästhetischen Kupferstiche aus Weigels Ständebuch 1689 vermittelten zwischen den Zeilen, welche Gefahren selbst einfache Berufe wie der Glockengießer mit sich bringen konnten.
Besonders ergreifend wurde es, als die erzbischöflichen Dekrete gegenüber Bettlern aus dem Jahr 1748 analysiert wurden. Nicht die Bekämpfung des Armenwesens, nicht die Versorgung von Obdachlosen waren die Pflichten des Erzbischofs. Viel eher verlangte dieser die Verbannung sämtlicher Bettler aus allen Städten des Herzogtums Westfalen.
Es entstand ein hartes Bild der vergangenen Realität. Gesundheitsversorgung war nur rudimentär vorhanden. Und selbst diese blieb oftmals nur den sozial Bessergestellten offen. Die einfache Bevölkerung dagegen, jene Männer, Frauen und Kinder, die den Großteil der Bevölkerung ausmachten, sahen sich vielen Notsituationen ohne Schutz ausgesetzt.

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Leidenszeiten in der Vergangenheit

Zusammenfassend gelang durch die Projekttage 2015 ein Perspektivwechsel seitens der Teilnehmer. Abseits des Unterrichts und abseits der Themen erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Einblick in die Geschichte Brilon vor 400 bis 300 Jahren. Der Charakter einer Feldforschung entstand. Immerhin arbeiteten die Projektteilnehmer mit Dokumenten, die bisher nur rudimentär Teil des wissenschaftlichen Forschungskanons waren. Als während der Projektpräsentation dann noch deutlich wurde, dass die Fragen der Teilnehmer durch dieselben schlussendlich beantwortet werden konnten, war der Erfolg der Projekttage 2015 im Museum Haus Hövener bewiesen. Geschichte lernen, wo sie geschah, war das Motto des Projektes. Die Bildungspartnerschaft verlässt damit die Grenzen des regulären Unterrichts und erweitert den Horizont der Jugendlichen in und um Brilon herum.

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Gymnasium Petrinum Brilon

Zur Jakobuslinde 21
59929 Brilon

Tel: 0 29 61 / 97 45 33

Fax: 0 29 61 / 97 45 66

E-Mail: sekretariat@petrinum-brilon.de

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