Brilon 1918 – 1933

ein Forschungsprojekt mit dem Gymnasium Petrinum

Workshop

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Weimarer Republik trafen sich 2018 motivierte Schülerinnen und Schüler im April im Museum Haus Hövener. Zum ersten Mal sollten in einem Forschungsworkshop die Ereignisse vor 100 Jahren in Brilon selbst rekonstruiert und reflektiert werden. Grundgedanke bei diesem Projekt war die Annahme, dass der Untergang der ersten Republik im deutschsprachigen Raum auch regional wahrnehmbar war. Immerhin konnte eine politische Eruption, die im Dritten Reich endete, nicht vollends an die Bevölkerung im Sauerland vorbeigegangen sein. Es musste auch hier vor Ort zu Spannungen, Konflikten oder gar handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen sein. So lautete zumindest die Vermutung der Projektteilnehmer.

Um überhaupt den historischen Kontext erfassen zu können, startete der dreitägige Workshop mit einer grundlegenden Einleitung durch Dr. Christoph Thüer (Lehrer am Petrinum und Mitautor am Band 800 Jahre Stadt Brilon) und Carsten Schlömer (Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums Haus Hövener) über die politischen Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg. Schließlich wurde ein Konsens geschaffen, auf dessen Grundlage die Schülerinnen und Schüler eigene Ideen entwickelten und selbst Fragestellungen konstruierten. Folgerichtig sollte das Ziel des Workshops keine rein datenbezogene Faktenaufstellung sein, sondern viel mehr ein thematisch strukturierter Versuch, die 15 Jahre seit dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung bis zu ihrer endgültigen Zersetzung 1933 für die Stadt Brilon zu analysieren: Gab es auch in Brilon eine Tendenz der Radikalisierung hin zu demokratiefeindlichen Parteien? War man dem Erstarken des rechten Politflügels positiv zugetan? Nahm man das Scheitern der Republik überhaupt wahr? Und welches Verhältnis pflegten Bürgerinnen und Bürger zur Staatsform der Republik an sich?

All diese Fragen beinhalteten Thesen, die in der Geschichtsschreibung nur rudimentär oder gar nicht beantwortet wurden. Folgerichtig handelte es sich bei dem Workshop um eine Feldforschung, war es doch unabdinglich, zeitgenössische Dokumente heranzuziehen, die bisher kein Gegenstand der Forschung in Brilon waren.
Hier kristallisiert sich der besondere Wert der Bildungspartnerschaft in Brilon. Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, selbst an Originalquellen zu arbeiten, sie zu betrachten, zu ertasten und manchmal als erste Rezipienten überhaupt jene Dokumente zu bearbeiten. Dieser „Charakter des Neuen“ motivierte die Teilnehmer, die sich schnell in Kleingruppen zusammenfanden und verschiedene Zeit- aber auch Inhaltsebenen untersuchten.

Die Ergebnisse des dreitägigen Forschungsworkshops wurden öffentlichkeitswirksam präsentiert. In einem eigens dafür vorgesehenen Raum erstellte die Gruppe eine Sonderausstellung, die den Fall der Demokratie auch für Brilon wiedergab. Die Jugendlichen erweiterten so die Sonderausstellung „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“.

Podiumsdiskussion

Angesichts des europaweiten Erstarkens radikaler Parteien trieb es die Projektteilnehmer immer wieder um, ob ein politischer Umschwung hin zum Radikalismus noch heute denkbar sei. Ein Aktualitätsbezug musste geleistet, Parallelen aufgezeigt und Unterschiede herausgestellt werden.

Eine Podiumsdiskussion in der Schulaula wurde im Oktober 2018 veranschlagt und alle Parteien des Briloner Stadtrates wurden eingeladen, sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler zu stellen. Die Resonanz überraschte die Beteiligten. Nicht nur dass alle im Rat vertretenden Parteien Teil der Veranstaltung wurden, auch das Besucherinteresse sorgte für einen Erfolg.
Im Verlauf des Abends entwickelte sich ein spannender Dialog. Immer wieder wurde dabei auch die Rollen von den Schulen, Lehrern und der Schülerschaft im Bezug zur politischen Lage in Brilon diskutiert. Am Ende stand fest, dass es große Unterschiede im Vergleich Heute und Weimarer Republik gibt. Dabei jedoch niemals vergessen werden darf, dass Demokratie, Freiheit und Gleichheit Güter sind, die aktiv und konsequent verteidigt werden müssen.

Filmdokumentation

Im Februar 2019 sollte dann der Abschluss des mehrmonatigen Projektes gelingen. In diesem Frühjahr wurde der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten und der Körber-Stiftung deutschlandweit ausgerufen. Schülerinnen und Schüler sollten im Verlauf des Wettbewerbs den Begriff der Krise für ihr eigenes Umfeld reflektieren. Wie stellt sich eine Krise der Regionalgeschichte dar? Welche Auslöser, Gründe und Folgen hatte sie? Und wie konnte eine Krise überhaupt überwunden werden?

Die Projektgruppe wollte es sich nicht nehmen lassen, den Wettbewerb mit einem Briloner Beitrag zu bereichern. Lange waren die Teilnehmer schon mit der Krise der Demokratie in Brilon vor 100 Jahren beschäftigt. Sie untersuchten, wie aus einer europäischen Krise ein Dilemma auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene für Brilon werden konnte. Und genau diese Arbeit sollte in ein neues Format gegossen werden: Eine erste Briloner Schülerdokumentation

Von Oktober bis Februar konstruierte die Projektgruppe ein Script für den Film, beschlossen eine Bilderauswahl und legten fest, welche Stimmen in der Doku zu Wort kommen sollten. Unterstützung bei der technischen Gestaltung erhielt die Projektgruppe durch Zoe Tilly, die ebenfalls Schülerin mit dem Schwerpunkt Gestaltung ist.

Die historiografische Komponente des Films wurde zusammengestellt und eingesprochen. Erweitert wurde die Doku durch Expertisen. Heiner Duppelfeld als Leiter des Stadtmuseums Marsberg und Dr. Christof Bartsch als Bürgermeister der Stadt Brilon lieferten zu bestimmten Fragen eine wissenschaftlicher oder politische Einschätzung. So wurden vergangene und gegenwärtige Entwicklungen eingeordnet und deutlich gemacht, dass dieser Film den historischen Raum verlassen muss.

Nach mehr als fünf Monaten Arbeit konnte das Projekt mit der Vorstellung des Films endgültig abgeschlossen werden. Viel Arbeit und Leidenschaft flossen in diese erste Rekonstruktion der Weimarer Geschichte in Brilon. Zwei Dinge standen zuletzt als Ergebnis fest:

  1. Brilon ist keine Insel der Zeit. Die Projektgruppe erschloss historisches Wissen, das zuvor innerhalb der Bürgerschaft Brilons unbekannt war. Schlussendlich besaß das gesamte Projekt daher den Charakter einer Feldforschung.
  2. Die Schülerinnen und Schüler erhielten einen Eindruck davon, wie Geschichte geschrieben wird. Nicht die Lektüre des Schulbuches steht am Anfang eines regionalhistorischen Erkenntnisgewinnes. Nicht das Auswendiglernen von Daten.
    Viel eher sind es zuerst das Stellen von geeigneten Fragen und der Kontakt mit zeitgenössischen Dokumenten aus Archiven, Museen und andernorts. Alle Teilnehmer erhielten im Lauf des Projektes eine intensive Begegnung mit dem „Handwerk der Geschichtswissenschaft“.



Gymnasium Petrinum Brilon

Zur Jakobuslinde 21
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Tel: 0 29 61 / 97 45 33

Fax: 0 29 61 / 97 45 66

E-Mail: sekretariat@petrinum-brilon.de

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