Viele tausend Jahre
lang dienten Sonnenuhren unseren Vorfahren als zuverlässige
Zeitanzeiger. Und sie haben bis heute nichts an ihrer Faszination und
an ihrem Wert verloren - allen mechanischen, elektrischen und atomaren
Uhren zum Trotz, die unser modernes Leben bestimmen.
Sie dienen nicht nur vielen Rathäusern, Kirchen, Stadttoren
und Wohnhäusern als Schmuck, sondern sind nach wie vor allen
anderen Uhren darin überlegen, dass sie als einzige die Mitte
des Tages anzeigen können: den Mittagszeitpunkt.
Wenn der Schatten des Zeigers auf die XII fällt, ist es
soweit: Der Vormittag ist beendet, die Sonne hat den höchsten
Punkt ihrer Bahn am Himmel erreicht. Nun steht sie genau im
Süden. Die Schatten der Menschen, Häuser und
Bäume sind jetzt am kürzesten und weisen alle nach
Norden.
Das ist eben die Hauptaufgabe einer Sonnenuhr: den Menschen zu zeigen,
wann es Mittag ist. Und die zweite Aufgabe: ihnen kundzutun, wie lange
es noch dauert, bis die Sonne im Süden steht, beziehungsweise
wie viele Stunden seit dem Sonnenhöchststand vergangen sind:
Fällt der Schatten des Zeigers morgens auf die VIII, dann
dauert es noch 4 Stunden, bis es Mittag ist. Fällt der
Schatten nachmittags auf die II, dann sind seit Mittag 2 Stunden
vergangen.
So zeigt
die Sonnenuhr die tatsächlichen Sonnenstände und
Tagesverhältnisse an: die wahre Ortszeit (WOZ) des Ortes, an
dem sie sich befindet.
Im Unterschied zur Sonnenuhr zeigt unsere Armbanduhr die
mitteleuropäische Zeit (MEZ) an, im Sommer die
mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ). Das sind
künstliche, vom Menschen geschaffene Zeiten, die keine
Rückschlüsse auf genaue Sonnenstände und
Tageszeiten zulassen.
Denn die mitteleuropäische Zeit ist die durchschnittliche,
noch nicht einmal genaue Ortszeit von Görlitz an der
deutsch-polnischen Grenze und die mitteleuropäische Sommerzeit
ist die durchschnittliche Ortszeit von Sankt Petersburg in Russland
bzw. von Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Zeigt also unsere Armbanduhr im Winter 12.00 Uhr, so steht die Sonne in
Görlitz ungefähr im Süden. Zeigt unsere
Armbanduhr im Sommer 12.00 Uhr, dann hat die Sonne in Sankt Petersburg
bzw. in Kiew in etwa ihren Höchststand erreicht. In jedem Fall
ist es bei uns erst Vormittag, denn Brilon liegt auf der Erdkugel viel
weiter westlich als die oben genannten Städte.
So wird deutlich, dass wir der Armbanduhr niemals genaue Informationen
über die Sonnenstände und Tagesverhältnisse
in Brilon entnehmen können.
Die Sonnenuhr am Gymnasium aber zeigt mit höchster
Präzision den Mittagszeitpunkt und die tatsächlichen
Tageszeiten für Brilon an.
Voraussetzung dafür ist die exakte Ausrichtung des Zeigers.
Bei jeder Sonnenuhr muss nämlich der Zeiger genau parallel zur
Erdachse angebracht werden. Für den Standort des Gymnasiums
bedeutet das: der Zeiger muss entsprechend der geografischen Breite von
Brilon eine Neigung von 51,4° gegen die Horizontale aufweisen
und nach Norden ausgerichtet sein. Er zeigt somit auf den Polarstern,
der in Verlängerung der Erdachse oberhalb des Nordpols steht.
Das
Zifferblatt der Schulsonnenuhr
besteht aus 11 Stundenlinien, die radial vom Ansatzpunkt des Zeigers
ausgehen und miteinander durch waagerechte und senkrechte Linien
verbunden sind. Zu jeder vollen Stunde (WOZ) legt sich der Schatten des
Zeigers auf eine dieser Stundenlinien. Zu beachten ist, dass die
Mittagsstundenlinie wie bei jeder Wandsonnenuhr genau lotrecht
unterhalb des Zeigeraufhängepunktes verläuft.
Mit den weiteren waagerechten und senkrechten Linien weist das
Zifferblatt einen interessanten 3-D-Effekt auf. Beim Betrachten hat man
den Eindruck, nach links und rechts ansteigende Stufen zu sehen, wie
bei einer Tribüne.
Diese drei Stufen symbolisieren die Unterstufe, die Mittelstufe und die
Oberstufe des Gymnasiums. Wie alle Stundenlinien auf einen gemeinsamen
Fluchtpunkt zulaufen, der sich in der Mitte der runden Sonnenscheibe
befindet, so sind auch die drei Stufen auf das gemeinsame Ziel aller
Schülerinnen und Schüler, auf das in der Ferne
liegende Abitur ausgerichtet.
Dieses interessante und sicherlich einmalige Zifferblatt gibt der
Sonnenuhr auch einen Reiz, wenn die Sonne einmal nicht scheint. Zudem
kann man mit ihrer Hilfe bei jedem Wetter auch ohne Kompass eine genaue
Bestimmung der Nord-Süd-Richtung vornehmen:
Stellt man sich im Abstand von 10 bis 15 Metern vor die Sonnenuhr und
geht dann so weit nach links, bis der Zeiger die Mittagslinie
überdeckt, so blickt man über den Zeiger hinaus genau
in Richtung Norden.
Überlegungen, am Petrinum eine große Sonnenuhr
anzubringen, gab es schon seit längerer Zeit. Erste konkrete
Planungen wurden während der Projekttage 2002 aufgenommen. Die
Gestaltungsidee zu der jetzt verwirklichten Uhr hatte Markus Rummel.
Nach weiteren Planungen und Berechnungen übernahm die Firma
Mause aus Brilon den Bau der 6 Meter breiten Uhr aus verzinkten Rund-
und Vierkanteisenrohren.
Dank der Finanzierung durch den Förderverein des Gymnasiums
konnte die Sonnenuhr im August 2003 über dem Haupteingang der
Schule angebracht werden.
Raimund Padberg